Zusatzbeitrag “Vom großen Glück, Familie einfach zu leben – und nebenbei noch nachhaltig” von Susanne Mier

Praktische Tipps für eine “nicht einfache” Zeit – von einer der bekanntesten Familienbloggerinnen Deutschlands.

Einfach Familie leben – das wünschen wir uns doch eigentlich alle. Und dann ist es doch irgendwie gar nicht so einfach. Manchmal, weil uns Vorbilder fehlen. Manchmal, weil die Umstände wirklich schwierig und anstrengend sind. Und manchmal auch, weil wir eine ganz falsche Vorstellung davon bekommen, wie es „einfach“ geht und was wirklich wichtig ist. Und wirklich wichtig, das ist vor allem Zeit. Ganz am Anfang, aber auch sonst. Denn Familienglück ist der Raum zwischen den Dingen, und der ist nicht käuflich. Im Gegenteil: Es ist es viel praktischer, weniger an den Dingen zu hängen und mehr an der Beziehung.

Wie die Dinge unser Familienleben bestimmen – direkt von Anfang an

Wer kennt ihn nicht, den Satz „Also was Du unbedingt brauchst fürs Baby…“ Viel seltener aber ist der Satz „Also was du wirklich nicht brauchst…“ Denn was Dein Baby unbedingt erst einmal braucht, sind zugewandte und liebevolle Bezugspersonen und die Möglichkeit, dass diese Bezugspersonen wirklich in Beziehung gehen können mit dem kleinen Menschen, der dort ins Leben gekommen ist. Und dafür brauchen sie vor allem Ruhe und Zeit zum Kennenlernen und Verstehen der Signale dieses neuen Menschen.
Gerade am Anfang ist die Zeit zusammen und das Beobachten des Babys hilfreich, um sich einzuspielen. Auch wenn es uns als so praktisch angepriesen wird, brauchen wir keine Musik machenden, sich selbst bewegenden Wiegen für das Baby. Babys suchen die Nähe der Bezugspersonen und wollen nicht in eigenen Kinderzimmern schlafen. Sie brauchen keine kleinen Babybadewannen, sondern genießen das Bad im Körperkontakt zusammen. Sie müssen nicht speziell gewärmt werden, wenn gerade im Wochenbett eigentlich die Möglichkeit besteht, Körperwärme zu bekommen von einem anderen Menschen. In der Nähe und in der Zeit liegt das Verständnis für die Kinder – bei Müttern wie Vätern.

Wenn wir wickeln, können wir uns die kurze Zeit des intimen Moments des Säubern nehmen und das Kind in Ruhe sauber machen mit einem Lappen und ein wenig Öl, statt es schnell abzufertigen. Auch wenn es viele Male am Tag sind, können wir diese Zeiten zu guten Pflegemomenten werden lassen. Wir können respektieren, dass Babys auch dann nicht in ihren Ausscheidungen lange Zeit verbringen sollten, wenn Superbooster in Wegwerfwindeln scheinbar alles aufsaugen durch die Chemie, die jeden Tag rund um die Uhr auf die Haut im Intimbereich einwirkt.

Wenn sie mit Beikost beginnen, benötigen sie keine wärmenden Schüsseln, die die Nahrung warmhalten, bis sie endlich das Tellereben leer gegessen haben. Und sie benötigen keine Löffel, die biegsam sind, damit das Essen doch den Weg in den Mund findet, der das Essen sonst noch nicht aufnehmen könnte. Sie wollen selbst begreifen und dann Nahrung zu sich nehmen, wenn sie dazu bereit sind.

Wenn sie größer werden, wollen sie sich selber anziehen und es ist praktisch, aus einer übersichtlichen Kleidungsmenge das Kind selbst auswählen zu lassen, als es in farblich aufeinander angestimmte Sachen gegen den Willen zu stecken.

Kurz: In eigentlich allen Bereichen im Zusammenleben mit dem Kind kommt es auf die Beziehung an, auf das Miteinander und respektvollen Umgang. Und viele Dinge, die uns die Werbung als sinnvoll und wichtig für das Baby erklärt, sind es nicht, sondern behindern sogar den wertschätzenden Umgang.

Nebeneffekt der Einfach­heit: Nachhaltigkeit

Der einfache Nebeneffekt, der sich aus der Reduzierung auf das Wesentlich ergibt, ist Nachhaltigkeit: Wenn wir uns auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist – die Beziehung – merken wir, dass wir viele Dinge gar nicht brauchen. Wir gelangen zur Nachhaltigkeit, weil wir der Beziehung und dem Miteinander und der Zeit den Vorrang geben.

Manchmal ist es auch der umgekehrte Weg: Über die Gedanken zur Nachhaltigkeit erlangen wir zunächst unbewusst mehr Zeit und stärken die Beziehungen.

Nachhaltiges Familien­leben – So kannst du anfangen

Mittlerweile ist es zu den meisten Leuten durchgedrungen: Wir befinden uns nicht in einer Hitzewelle, sondern in der von Menschen verursachten Klimakrise. Die gute Nachricht: Wir können es zwar nicht ändern, aber jetzt gerade noch die Folgen der vergangenen Jahrzehnte in einem aushaltbaren Maß halten, wenn wir handeln und unseren Alltag verändern. Natürlich brauchen wir auch politische Regelungen, aber neben diesen notwendigen Rahmenbedingungen können wir alle Veränderungen vornehmen, die sich auswirken, die einen Einfluss nehmen und die wieder andere Menschen in unserer Umgebung dazu inspirieren, ebenfalls aktiv zu werden.

Gerade aber bei Familien ist oft zu hören: Wir haben schon so viel zu tun, wie sollen wir nun auch noch nachhaltig leben? Und ist Nachhaltigkeit nicht sowieso nur etwas für die, die es sich leisten können? Auch hier gibt es wieder eine gute Nachricht: Nein, wir können alle auf ganz einfache Weise mit Kleinigkeiten beginnen und uns nach und nach einarbeiten in das Thema und immer mehr machen. Denn nachhaltiges Leben bedeutet auch ressourcensparendes Leben und ist abseits von teuren, weißen, leeren Minimalismus-Wohnungen möglich. Wir alle können einen Beitrag leisten in Sachen nachhaltiges Familienleben. Vielleicht sind einige dieser Anregungen auch bei Euch umsetzbar:

  • Verwende keine Feuchttücher mehr: Feuchttücher verstopfen (wenn sie in die Toilette geworfen werden) nicht nur die Kanalisation, sondern sogar die Kläranlagen. Zudem enthalten einige von ihnen Plastik, sind also nicht biologisch abbaubar. Die kostengünstigere und gesündere Alternative: einen nassen Lappen in einer Dose mitnehmen oder Wasserflasche, Tücher und Wetbag einstecken. Diese Alternative ist oftmals auch gesünder für Babys Haut, denn nicht alle Inhaltsstoffe aller Feuchttücher sind gut und gerade Konservierungsstoffe sind nicht gut für Babys Haut.
  • Reduziere die Babypflege: Babys Haut braucht noch nicht eine Vielzahl an verschiedenen Pflegprodukten. Gerade im ersten Jahr reicht es oft, die Haut mit einem guten Öl zu pflegen. Babyshampoo brauchen viele Babys gar nicht, ebenso wenig zahlreiche Lotionen oder gar Babyparfum.
  • Kaufe keine Babygläschen: Natürlich kann es mal praktisch sein, ein Gläschen für unterwegs zu kaufen. Brauchen tust Du die Babynahrung im Glas aber eigentlich nicht, denn die Zutaten für die erste Beikost kannst Du ganz entspannt von eurem Familienessen abzweigen und entweder püriert anbieten oder eben als Stückchen.
  • Kinderkleidung: gebraucht kaufen und ausbessern. Fast Fashion betrifft nicht nur uns Erwachsene, auch bei Kinderbekleidung wird schnell neu gekauft und auf modische Details geschaut, die immer wieder ausgetauscht werden: Diese Woche mag das Kind noch Paw Patrol und bekommt ein passendes Shirt, nächste Woche ist es Peppa Pig. Wir tragen Kleidung nicht mehr auf, kaufen unnötig viel, reparieren nicht, sondern werfen weg und kaufen neu. Stopp damit! Wer neutrale Kleidung kauft, ist nicht den Kinderhit-Trends unterworfen und auch neutrale Kleidung ohne Superheldenaufdruck kann schön aussehen. Wenn etwas kaputt geht, kann ausgebessert werden mit Flicken. Wer sogar Stopfen kann, findet im Netz tolle Anleitung für kunstvolles Stopfen mit ansprechenden Motiven. Zudem gibt es mittlerweile auch Anbieter*innen, bei denen Kindkleidung ausgeliehen werden kann.
  • Kaufe keine Quetschies: Ja, sie sind so praktisch, die Beutel mit Obstinhalt. Aber sie produzieren Müll, sind in Relation zum Inhalt teuer, enthalten neben dem Fruchtmark oft noch zugesetztes Traubensaftkonzentrat, was sie süßer macht, aber in Verbindung mit der Säure und dem Nuckeln an den Tüten die Kariesgefahr erhöht. 2016 wurden auch Pestizide in ihnen gefunden.
  • Spielsachen leihen und tauschen: Wie auch Kleidung kann Spielzeug ganz einfach ausgeliehen oder getauscht werden. In Bibliotheken gibt es Kinderbücher, aber auch Hörspiele und anderes. Im Freundeskreis kann Spielzeug getauscht werden und auch zu Hause kann saisonal gewechselt werden, damit die Spielsachen nicht langweilig werden. Es gibt auch Shops, um Spielzeug für bestimmte Zeit zu mieten.

Und wenn du erst einmal angefangen hast, auf die Dinge des Alltags zu achten, finden sich schnell auch weitere Punkte, an denen weiter gemacht werden kann: Vielleicht schaust du im Bad durch, welche Pflegeprodukte ihr generell braucht und du steigst auf feste Shampoos ohne Verpackung um. Oder du machst mit deinen Kindern ein Müllprojekt: Ihr schaut euren Müll eine Woche lang an, trennt und überlegt gemeinsam, an welchen Stellen ihr vielleicht noch mehr Verpackungen einsparen könntet.

Kleidung nachhaltig pflegen

Auf nachhaltige Kleidung zu achten, ist sinnvoll, aber nicht immer und bei allen Familien problemlos möglich. Unabhängig von der Herstellungsweise und dem Material der Kleidung können wir alle aber auf eine optimale Nutzung achten, um Geld zu sparen, aber auch um die Umwelt weniger zu belasten. Denn die so genannte „Fast Fashion“ finden wir auch in den Kinderabteilungen: preiswerte Kleidung, unter schwierigen bis menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt, dazu animierend viel zu kaufen und schnell nachzukaufen, wenn etwas kaputt ist. Selbst im Bereich der Kinderkleidung werden beständig neue Kollektion hervorgebracht mit verschiedenen Designs und Aufdrucken nach den neuesten Kindertrends und immer darauf abzielend, zu mehr Konsum zu verführen.

Welche Kleidung auch im Kleiderschrank der Kinder liegen mag, ob Slow oder Fast Fashion: Das Augenmerk auf Langlebigkeit zu richten, ist in beiden Fällen sinnvoll. Bei Kinderkleidung ist das Reparieren und Upcyclen auch besonders einfach und nicht selten sogar wertet es die kleinen Kleidungsstücke neu auf.

Auf die richtige Pflege im Alltag achten

Kinderkleidung lang nutzbar zu machen, fängt bei der Pflege im Alltag an: Das bedeutet, die Kleidung richtig zu waschen, d.h. beispielsweise gerade bei fleckiger Kinderkleidung darauf zu achten, dass Flecken, die hinaus gehen sollen, vorbehandelt werden, damit nicht die gesamte Wäsche mit mehr Waschmittel gewaschen wird und das passende Programm und Waschmittel zur Schonung der Textilart ausgewählt wird.

Textilien aus Wolle muss nur selten gewaschen werden, da sie Schmutz abweist und meistens ein Auslüften ausreicht. Wird sie doch gewaschen, kann das kurz im Handwaschbecken erfolgen. Die kleinen Knötchen, die sich bei Wollkleidung im Laufe der Zeit bilden (Pilling) lassen sich mit der Hand abzupfen oder mit einem Pilling-Rasierer oder einer so genannten Wunderbürste entfernen. Wäschetrockner sind zwar praktisch, wirken sich aber negativ auf die Textilien aus und lassen das Gewebe schneller altern. Die Wäsche an der Luft trocknen zu lassen, ist schonender (um Platz zu sparen, gibt es auch hängende Wäscheständer).

Kaputte Kleidung schön wiederherstellen

Haben Hose oder Shirt ein Loch, muss das Kleidungsstück nicht gleich weggeworfen werden. Es gibt zahlreiche schöne Aufnäher oder Bügelflicken, die aus den alten Kindersachen nicht selten sogar noch ein ganz bezaubernd neu anmutendes Stück machen und noch einmal neues Leben einhauchen. Und wer gerne mit Nadel und Faden umgeht, kann sich dem Stopfen widmen. In den vergangenen Jahren sind Sticken und Stopfen wieder Trend geworden. In größeren Städten gibt es nicht nur Textilreparaturen, sondern auch Workshops, in denen das Stopfen gelernt werden kann, das bis zu einer hohen Kunst von zauberhaften kleinen Bildchen auf nicht mehr sichtbaren Löchern reicht.

Und wenn das Kleidungsstück im Ganzen nicht mehr zu retten ist, lassen sich manchmal zumindest Teile davon noch weiter nutzen: Die Arme des Wollpullovers können abgeschnitten und umgenäht noch zu warmen Stulpen werden oder Stoffteile werden als Putzlappen genutzt oder noch weiter verarbeitet zu einer kleinen Tasche, einem Portemonnaie oder sogar zu einem kleinen Kuscheltier.

Herausgewachsen

Aber irgendwann passt das gut und lang gepflegte Kleidungsstück nicht mehr. Auch das ist noch kein Grund, es in den Müll zu werfen: Vakuumiert aufbewahrt für das kleinere Geschwisterkind, als Geschenk für Kinder in der Familie oder im Freundeskreis kann es einem anderen Kind noch einige Zeit lang Freude bereiten. Oder es findet auf dem Flohmarkt, einem Secondhandladen oder über eine Secondhand-Plattform im Netz ein neues Zuhause.

Kleidung – und auch Kinderkleidung – kann Familien wesentlich länger begleiten, als wir manchmal denken. Es lohnt sich, ein paar Gedanken nicht nur über die Herkunft unserer Kleidungsstücke zu verlieren, sondern auch über ihren Umgang mit ihnen und wie wir sie bestmöglich nutzen können. Denn das kommt nicht nur heute unserer Familie entgegen, sondern auch in der Zukunft. Nachhaltigkeit kann mit kleinen und einfachen Schritten beginnen.


Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 initiierte sie Ihren Blog „Geborgen Wachsen“, der seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine für bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter. Zuletzt erschien ihr Buch „Einfach Familie leben“, das sie zusammen mit der Initiatorin der Original Unverpackt Läden, Milena Glimbovski, schrieb.

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